Euthanasie im Kalmenhof

Der Kalmenhof ist eine sozialpädagogische Einrichtung der Jugend- und Behindertenhilfe mit Ausbildungs- und Lehrbetrieb in Idstein. Die Anlagen des Kalmenhofs (früher auch Calmenhof, Idiotenanstalt Idstein oder auch Calmischer Hof) stehen teilweise unter Denkmalschutz. Die Einrichtung wird heute von der Vitos Teilhabe gemeinnützige GmbH betrieben. 

Im besonderen Fokus der Aufmerksamkeit der Grünen Idstein steht die Tatsache, dass im Kalmenhof während der Zeit des Nationalsozialismus fürchterliche Gräueltaten im Rahmen der Euthanasie begangen wurden. Obwohl die Beteiligung von Mitarbeiter*innen des Kalmenhofs an den Verbrechen der nationalsozialistischen Rassenhygiene 1947 im sogenannten Kalmenhofprozess untersucht worden war, wurde das wahre Ausmaß der Taten in Idstein bis in die achtziger Jahre geleugnet bzw. verschwiegen.

 

 

Öffentliche Veranstaltung

Vitos Rheingau und Stadt Idstein bieten gemeinsame Informationsveranstaltung zum Kalmenhof-Krankenhaus an. Sie findet am 1.4. 2019 um 19 Uhr (Einlass 18:30 Uhr) im Sternensaal des Kalmenhofs (Vitos Teilhabe) statt. 

Bei der öffentlichen Veranstaltung wird zum einen der im Januar 2019 auf der Website von Vitos Rheingau veröffentlichte Forschungsbericht zum Kalmenhof-Krankenhaus von den Autoren vorgestellt. Zum anderen soll es um mögliche weitere Schritte gehen, die sich aus dem Forschungsbericht für die Zukunft des Gebäudes und des Areals der Grablagen ergeben.

Die Veranstaltung steht allen interessierten Bürgerinnen und Bürgen offen. Sie wird moderiert von Oliver Bock, Korrespondent der Frankfurter Allgemeinen Zeitung für Wiesbaden und den Rheingau-Taunus-Kreis. Die Autoren des Berichts, Dr. Harald Jenner und Christoph Schneider werden im ersten Teil des Abends die Ergebnisse des Forschungsberichts zusammenfassen und anschließend für diesbezügliche Fragen des Publikums zur Verfügung stehen.  

Bürgermeister Christian Herfurth und der Geschäftsführer von Vitos Rheingau, Servet Dag, werden in die Veranstaltung einführen und im zweiten Teil auf die Arbeit des Gremiums und die geplanten nächsten Schritte eingehen. 

Zum Hintergrund

Die Geschichte des Kalmenhofes reicht zurück bis ins Mittelalter. 1888 wurde das unter dem Namen Stockheimer Hof bekannte Anwesen von wohlhabenden jüdischen und protestantischen Bürger*innen aus Frankfurt erworben. Sie setzten mit der "Idiotenanstalt zu Idstein" ein für damalige Zeiten fortschrittliches Zeichen, indem sie ein Ende des menschenunwürdigen Wegsperrens behinderter Menschen zum Ziel hatten. Mit ihrer Bürgerstiftung wollten sie durch besondere Förderung „bildungsunfähiger“ Kinder und Jugendlicher die Möglichkeit zur Eingliederung in die Gesellschaft geben. Mit dem Kalmenhof entstand eine der damals bedeutenden Heilerziehungsanstalten. Die Zahl der Bewohner*innen stieg schnell – ständig mussten auf dem weitläufigen Gelände neue Häuser errichtet werden – bis 1933 dann das Ende der freien Trägerschaft und der Beginn einer menschenverachtenden Behandlung der zu pflegenden Bewohner*innen begann: Zwangssterilisierung (ab 1934, mindestens 216 geschädigte Menschen), gezielte Tötungen (ab Ende 1939) …

Wie viele Opfer genau die nationalsozialistische „Euthanasie“ (Aktion T-4 – systematische Ermordung von Menschen mit körperlichen, geistigen und seelischen Behinderungen) am Kalmenhof forderte, ist schwer einzuschätzen, denn die Unterlagen wurden bei Kriegsende vernichtet. Auszugehen ist wohl von zwischen 700 und 1000 Todesopfern am Kalmenhof. Die Verbrechen fanden wohl in der Regel im "Kalmenhof-Krankenhaus" statt. In den zwanziger Jahren des vorigen Jahrhunderts wurde es als Isolierstation für die Behinderteneinrichtung Kalmenhof erbaut. Unter der nationalsozialistischen Diktatur wurde es als so genannte Kinderfachabteilung genutzt – ein Euphemismus für Krankenhausabteilungen, in denen behinderte oder psychisch kranke Kinder im Rahmen des „Euthanasie“-Programms der Nationalsozialisten ermordet wurden.

Ab Januar 1941 war der Kalmenhof auch Zwischenanstalt für die industriell betriebene Tötungsanstalt Hadamar, wo Vergasungen durchgeführt wurden. Zitat Wikipedia: "Funktion der Zwischenanstalten war die „Zwischenlagerung“ der für Hadamar bestimmten Transporte. Das heißt, es sollte sichergestellt werden, dass nur so viele Opfer angeliefert wurden, wie unmittelbar darauf ermordet werden konnten. Die Verlegungen erfolgten täglich mit sogenannten Gekrat-Bussen außer am Wochenende. Die Opfer wurden am Kalmenhof notdürftig auf Strohlagern in der Turnhalle oder später in den Kellerräumen des Altenheims untergebracht. Unter ihnen befanden sich auch politische Gefangene, Kommunisten und Anarchisten, die kurzerhand für geisteskrank und lebensunwert erklärt worden waren." Weitere Details (u.a. zu der strafrechtlichen Verfolgung nach 1945) finden sich u.a. bei Wikipedia

Nach öffentlichen Protesten gegen die Aktion T-4 wurde diese im August 1941 offiziell eingestellt, doch die „Kinder-Euthanasie“ wurde fortgesetzt, ebenso die dezentrale Tötung behinderter Erwachsener. So verlagerte sich das Morden endgültig an den Kalmenhof. 

Im Idsteiner Kalmenhof wurde eine sogenannte "Kinderfachabteilung" (Vernichtungsstationen) im zweiten und dritten Stock des Krankenhauses eingerichtet. Überlebende erinnern aber, dass das ganze Krankenhaus  für die Gefährdeten "gefährlich" gewesen ist. Getötet wurde durch todbringende Medikamentengaben aber auch durch gezielten Nahrungsentzug. Opfer waren Kinder und Jugendliche mit Behinderungen, aber auch Jugendliche, die als arbeitsscheu oder asozial galten. In in den Kalmenhof Eingewiesenen überlebten meist nur wenige Tage.

Da der städtische Friedhof nicht für die zahlreichen Sterbefälle am Kalmenhof ausreichte, wurden die Ermordeten auf dem 1942 angekauften jüdischen Friedhof begraben, der aber auch bald belegt war. So entstanden Gräberfelder in der Nähe des Kalmenhof Krankenhauses. Die Begräbnisse wurden möglichst heimlich durchgeführt. Die genaue Lage der Gräber ist bis heute unzureichend ermittelt.

Das ehemalige Krankenhausgebäude in Idstein wurde ab 1969 als erste kinder- und jugendpsychiatrische Klinik Hessens genutzt. Sie zog 1974 in einen Neubau auf dem Eichberggelände in Eltville um; eine Station blieb in Idstein vor Ort. Im Zuge der Umwandlung der Eigenbetriebe des Landeswohlfahrtsverbandes in gemeinnützige Gesellschaften mbH im Jahr 2007 wurde die Immobilie am Veitenmühlberg auf Vitos Rheingau übertragen. Kurze Zeit später zog die kinder- und jugendpsychiatrische Behandlungseinheit in die Robert-Koch-Straße, wo sie sich ein Gebäude mit der Helios Klinik Idstein teilt. Das ehemalige Krankenhausgebäude steht seither leer und wurde bereits wiederholt durch Vandalismus beschädigt.

Forschungsbericht und Gremium

Die beiden Wissenschaftler Dr. Harald Jenner und Christoph Schneider hatten von Januar bis Juni 2018 im Auftrag von Vitos Rheingau und auf Vorschlag des seit 2017 zum Umgang mit der Immobilie Kalmenhof-Krankenhaus tagenden Gremiums die vorliegenden Quellen gesichtet und verfügbare Zeitzeugen befragt, insbesondere zu der ersten großen Bestandsaufnahme zum Kalmenhof in den achtziger Jahren des letzten Jahrhunderts. Im Zentrum ihrer Untersuchung stand die Frage nach der genauen Lage der Gräberfelder des „Kalmenhof-Friedhofs“ und die Frage, in welchen Räumlichkeiten genau sich die „Kinderfachabteilung“ befand. Im Rahmen des Projekts wurden auch die Zeugenaussagen während der Kalmenhofprozesse nach 1945 gesichtet. Insgesamt entstand so ein differenziertes und in Details auch modifiziertes Bild des Mordgeschehens im Kalmenhof-Krankenhaus und des Umgangs mit den Leichnamen der Ermordeten. 

Mitglieder des Gremiums, das von Altbürgermeister Gerhard Krum geleitet wird, sind der Geschäftsführer von Vitos Rheingau Servet Dag, Bürgermeister Christian Herfurth, die Fraktionsvorsitzenden der in der Stadtverordnetenversammlung vertretenen Parteien oder von diesen benannte Stellvertreter: Roland Hoffmann (FDP), Sven Hölzel (SPD), Andreas Ott (FWG), Peter Piaskowski (CDU) und Jürgen Schmitt in Vertretung von Anke Reineke-Westphal (Die Grünen). Weiter gehört der langjährige Stadtverordnetenvorsteher Thomas Zarda dem Gremium an sowie Edeltraud Krämer, die Geschäftsführerin der Vitos Teilhabe gGmbH, Dr. Jan Erik Schulte, Leiter der Gedenkstätte Hadamar, die Publizistin Martina Hartmann-Menz, Eberhard Kriews und Pfarrer Kirsten Brast.

Pressemeldungen und Anträge

GRÜNE für öffentliche Sitzungen der Kalmenhof-Kommission zu NS-Morden

Pressemeldung vom 26. Februar 2019

Grüne fordern Lokalisierung des Gräberfeldes

Pressemeldung vom 21. Januar 2017 

Weitere Anfragen und Presseerklärungen der letzten drei Jahre

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